Weidemanns Wahrheiten

Sehr geehrte, WegbegleiterInnen,

ich habe mich lange davor gesträubt, diesen Schritt zu gehen. Doch angesichts der aktuellen Lage und den ständigen Bemerkungen gegenüber meinen fleißigen Mitarbeitern, sehe ich mich gezwungen, einige Zeilen zu veröffentlichen.

Momentan kursiert das Gerücht, bei der Tischlerei Weidemann seien alle Mitarbeiter entlassen worden und es würde dort niemand mehr arbeiten.

Tja, da habe ich aber eine positive Nachricht, unser Top-Team erfreut sich bester Gesundheit, Lebensfreude, Motivation und nun endlich beneidenswerter Kameradschaft mit einem beruhigenden Blick in unsere ungewisse Zukunft.

Wir alle haben unsere individuellen Wahrnehmungen und die daraus resultierenden, eigenen Wahrheiten. Ich habe es nicht nötig, mich zu rechtfertigen und mir ist es auch gern mal egal, was ein Außenstehender über mich denkt. Es ist auch kein Schuldeingeständnis oder betteln um irgendetwas und vor allem ist es keine Anschuldigung.

Ich kann es einfach nicht weiter zulassen, dass sich eigene Wahrheiten über Angestellte oder unser Unternehmen verbreiten und zur Gefährdung von Arbeitsplätzen durch den plötzlichen Rückzug jahrelanger, treuer und zufriedener Auftraggeber führen.

Für diejenigen, die es vielleicht wirklich interessiert, nehme ich mir die Zeit, nun einen kleinen Einblick in meine bzw. unsere Wahrnehmung zur Coronakrise und unseren Maßnahmen zu gewähren. Am Besten setzen Sie sich entspannt hin und genießen einen Kaffee oder ein angenehmes Kaltgetränk. Aber vorsichtig, der Text ist so lang, dass der Kaffee kalt sein könnte und das Kaltgetränk warm, denn es handelt sich schon um so ca.20min. Vielen Dank.

Diese ist meine Wahrheit

Anfang Januar kamen die ersten Bilder und Videosequenzen über das neue COVID-19 Virus. Dutzende Leichensäcke auf Klinikfluren und dazwischen wartende Patienten. Da gingen bei mir schon alle Alarmsignale auf gelbkommafünf.

Daraufhin fühlte ich mich veranlasst, doch endlich mal unser vergammeltes Werkstattwaschbecken zu überarbeiten, um endlich eine weitere, vernünftige Handwaschmöglichkeit zur Verfügung zu stellen.

Desinfektionsmittel in allen Varianten für die Belegschaft und einen Kleiderständer umfunktioniert zum Desinfektionsmittelspender, direkt erst mal am Eingang der Werkstatt positioniert und weitere ffp2 Masken bei dem Händler unseres Vertrauens nachbestellt.

Natürlich wurde man auch gern mal belächelt, aber damit lernt man irgendwann umzugehen, wenn man halt ein wenig anders ist und nicht der Norm entspricht. Anbei ein kleiner Aufruf: Seit bitte einfach anders, denn normal kann jeder und das hat für mich die Tendenz in Richtung langweilig.

So was nun, erst mal abwarten und Tee trinken.
Nach gefühlten 300 Tees …
Mein erstes Video aus Italien am 15.03.2020.

Gleiches Szenario wie in China: Ausgangssperren, extremste Maßnahmen und vor allem diese armen alten und jungen Frauen und Männer auf dem Bauch in improvisierten Intensivstationen, zu einem langen und qualvollen Tode verurteilt. Diese armen Menschen und die armen Angehörigen, die sie nicht in den Tod begleiten durften. Ich habe so bitterlich geweint, weil ich diesen Schmerz einfach fühlen konnte. Genau wie jetzt, während ich diese verschwommen Zeilen schreibe und mich wieder einmal an diesen Tag erinnern muss.

Kurze Pause, Emotion entladen, konzertieren. Ok was nun!? Ein Plan muss her. Ich trage für meine und so viele andere glückliche Familien die Verantwortung und ich kann uns alle doch nicht ins Verderben dümpeln lassen. Ich muss etwas unternehmen. Was könnte passieren?

Nun bin ich den Themen „Welt-Verschwörungstheorie“ und „Weltuntergangsszenarien“ bei manchen Punkten auch nicht ganz unaufgeschlossen. Und bei der Pandemie war ich schon immer auf Bill Gates Seite.

Welches Szenario könnte eintreffen?

Mehrere von uns werden krank,.Mitarbeiter, Freunde oder Familienangehörige könnten versterben. Mitarbeiter fallen aus wegen Trauer, Krankheit, Angst, oder Quarantäne. Das Gleiche könnte bei allen unseren Subunternehmern und Auftraggebern passieren. Brechen die Aufträge ein, weil Mieter der Genossenschaften plötzlich keine Miete mehr zahlen können und auch nicht zahlen brauchen, wie die Regierung plötzlich beschloss? Wer stopft dieses finanzielle Loch? Gibt es bis auf`s Weitere keine Modernisierungen mehr, weil nicht mehr umgezogen werden kann? Können unsere Lieferanten überhaupt noch liefern, weil das preiswerte Teil xyz aus Buxtehude fehlt und Türen, Fenster, Beschläge nicht mal das Werk verlassen? Was montiere ich am Ende, wenn die Aufträge weiter laufen? Schulden? Wann kommt die Inflation und wie stark wird sie sich auswirken? Ich hörte von den 1000000-Mark-Broten durch den 2.Weltkrieg. Wo kommen die Gelder alle her, wenn keiner mehr einen Job hat, weil es tausende von Insolvenzen geben könnte.

Hinterher können Politiker leicht sagen: „Ups, hab mich verrechnet. Die Kassen sind doch irgendwie leer“. Was dann? Endet die ganze Geschichte in einer Anarchie, weil die Städte nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt werden können? Was weiß ich welches Gemüse oder Tier hier in unserem Land nicht mehr wächst, durch Dürren oder günstigere Importe. Bricht am Ende das ganze System zusammen? Die meisten werden nur ihren Allerwertesten retten wollen und wenn alle Hunger haben, ja dann gute Nacht. Bilden sich Banden und Gruppierungen mit Menschen deren Hemmschwelle einfach viel niedriger ist als die unsere? Durch deren erlebte Wahrnehmungen und Wahrheiten, im schlechtesten Fall noch durch Kriege beeinflusst? Wer bekommt das in den Griff? Die Bundeswehr? Die paar Männekes? Mit welchen Fahrzeugen und Mitteln? Mit ganz viel Glück ,bekommt man die Lage in ein paar Städten in den Griff, aber nicht bei 20 oder allen Städten. Von Nachbarstaaten und dem verrückten großen Bruder, von der anderen Seite des Teiches, hätten wir wahrscheinlich auch nicht viel zu erwarten. Die wären alle mit ihrem eigenen Volk beschäftigt.

Wie gehen andere Länder und Staatschefs mit dieser Krise um?
Gibt es vielleicht Revolutionen?
Denkt man vielleicht, das Virus stünde aus einem Labor und man beschuldigt sich am Ende gegenseitig und es gibt den 3. Weltkrieg ?
Fragen über Fragen, Emotionen über Emotionen.

Am liebsten würde ich alle, finanziell unterstützt, in ihr behütetes Zuhause zu ihren Familien lassen. Sie sollen sich am besten bevorraten , Gemüse anbauen , Kaninchen kaufen und sich vor dem Virus verstecken, bis wir wissen womit wir es überhaupt genau zu tun haben. Geht natürlich nicht! Wir wissen bis dato ja noch nicht, wie schlimm es werden könnte und die Wirtschaft und unsere Kunden brauchen uns ja wahrscheinlich weiterhin. Wir laufen halt alle in dem selben Hamsterrad.

Hm, wir können das natürlich finanziell als GbR auch nicht ganz so lange stemmen, hm?  Was nun? Am Ende ist das Schiff zerschellt und wir alle Sitzen auf der Straße. Für mich kein Thema, denn ich würde auch im Wald am Bach klar kommen, aber für meine Jungs und Mädels  kann ich das nicht verantworten. Es muss irgendwie weiter gehen. Ich brauche Handlungsspielraum und Optionen, um uns da durch zu schippern.

Vielleicht Kurzarbeit? Gegoogelt… – zu dem Zeitpunkt wenig attraktiv für die Arbeitgeber Seite. Ein Problem waren für mich auch die 12 Monate Kündigungsverbot. Ausgerechnet jetzt, wollte ich mich genau Ende März von einem jungen Mitarbeiter trennen. Leider passte es zwischen uns und dem Team nicht mehr so gut. Und natürlich sollte er keine Sperre vom Arbeitsamt bekommen, deshalb käme die Kündigung von meiner Seite. Also kam Kurzarbeitergeld für mich leider auch nicht in Frage.

Krankenscheine? Hm, für die Risikogruppe und Ängstlichen unter uns auf jeden Fall – unterstütze ich – aber für all die anderen? Bestimmt irgendwie möglich, aber soll ich meine Mitarbeiter zum lügen verleiten und die noch zum Arzt schicken, wo die sich noch den Virus wegholen könnten? Die Ärzte hatten obendrein sowieso genug zu tun.

Was nun?

Was denken die anderen Unternehmer, Auftraggeber und meine Freunde? Erstmal schön auf ‘nem Heiligen Sonntag so grob alle abtelefoniert und mich beraten. Andere Gespräche wurden auf Montag und Dienstag verschoben. Es gibt halt nicht wenige Personen in unserem Geschäftspool und meinem Freundeskreis.

Die Meinungen gingen auseinander. Einige sehr unbedarft und frohen Mutes, andere wiederum auch skeptisch und verängstigt. Viele befürwortend und einige zurückhaltend. Wir waren halt alle verunsichert und mussten unsere Entscheidungen treffen, doch wir alle konnten nicht wissen was auf uns zu kommt.

Hm, was nun? Viel schlauer als vorher bist du jetzt auch nicht. Ich fühlte mich, als hätte ich Produktbewertungen gelesen, oder nach einer Krankheit gegoogelt. Lass ich den Kahn mit Bestandschutz hier untergehen, bekomme ich niemals wieder diesen schönen Hafen, in Mitten einer angenehmen Wohnsiedlung, mit dieser tollen Nachbarschaft und so einer coolen Mannschaft angemeldet. Und die Auflagen wären nicht durchführbar gewesen. Wir hätten alle nichts gewonnen.

Ich habe eine Idee.

Wir müssen einfach die aller ersten beim Arbeitsamt sein! Alle Meister, Gesellen und Bürofachkräfte brauchen eine Fallnummer, dann liegen alle schon mal auf dem Schreibtisch und wenn die Welle kommt, haben wir die Chance für alle eine Grundversorgung zu gewährleisten, bevor das Corona infizierte Arbeitsamt im Antragsansturm untergeht. Arbeitslosengeld ist immer noch die sicherste, bewährte Versorgung in einer Krisenzeit. Und Kündigungen kann man ja so toll zurückziehen, oder im Einverständnis durchziehen und mal 2-3 Monate Pause machen und gesund wieder später einsteigen. Wir hätten alle Optionen offen. Sollte die Auftragslage einbrechen, hätten wir durch verschiedene Kündigungsfristen einen langsamen Abbau der Firma, aber einige im Rücken sicher in ihrem Zuhause. Vertrauenswürdig wartend, bereit für den Start nach der Krise.

Würde es hart auf hart kommen und die Auftragslage bricht weiter ein, oder wir werden verhindert unsere Arbeiten weiterhin auszuführen, durch was für Umstände auch immer und wir müssen die Kündigungen zusammen durchziehen, würden wir nach dem 5. Monat mit 6 Azubis und 3 geförderten Azubis, einem geförderten Gesellen, meiner Frau und meiner Mutter und mir den Laden versuchen weiter zu führen. Was ich durchaus meinen Jungs und Mädels zutrauen würde. An der Stelle ein großes Dankeschön an die Eltern, die sich später angeboten haben, das Gehalt Ihrer Kinder in schwierigen Zeiten weiter zu zahlen.

So der Anfang des Krisenplans war geboren. Alle Azubis werden bis zum bitteren Ende durchgezogen und bekommen weiter ihr Gehalt, keine Neueinstellungen, dadurch resultierte leider die Absage an drei sympathische Hoffnungsträger. Zwei netten jungen Männern, unsere neuen Azubis für diesen August und einen neuen Gesellen.

Mittlerweile Montagmorgen ,16.03.2020 ca. vier Uhr in der Früh.
Dann ca. 2h Schlaf, wenn man es so nennen kann.
7:00 alle Mann und Frau in die Werkstatt zur Krisensitzung.
Mit zitternden Knien verheulten Augen, völlig übermüdet.
Zuerst die Lagebesprechung, Informationsaustausch über das Virus, die Nachrichten und das befinden.
Jetzt kam mein schrecklichster Moment nach dem Tod meines Vaters:
Die Unterbreitung meines „Worst Case Notfallplans“ vor meiner geliebten Mannschaft.
Voller Hoffnung auf Vertrauen und Verständnis und voller Furcht vor Misstrauen und Missverständnis, erzählte ich allen von meinen Ideen.
Klatsch! Da war sie, die gestreichelt gemeinte Ohrfeige für alle.
Schweigen, Verunsicherung, sehr wenige Einwände

Erstmal alles sacken lassen und weiter mit dem Alltagsgeschäft. So, Luft holen, den Anwalt anrufen und die Rechtslage klären. Vorher wäre vielleicht cleverer gewesen, aber ich hätte mich schlecht gefühlt, hintenrum nach zu horchen, ob ich meiner Mannschaft kündigen kann. Schließlich geht es ja um das „Gemeinsam durch die Krise kommen“. Der Anwalt bestätigte die Möglichkeit meines Vorgehens und warnte mich vor einem überstürzten handeln. Aber was ist zu früh, was zu spät? Die ersten Hotels konnten schon einpacken. Mein Gefühl sagte mir, ich bzw. wir habe(n) keine Zeit zu verlieren. Niemand hatte zu der Zeit einen Krankenschein.

Das Arbeitsamt stellte langsam auf ausschließlichen Online-Betrieb um.
Ich muss handeln.
Nächster morgen, nach vielleicht 3h Schlaf: 7:00 – Krisensitzung.
Verkündung der Ausführung des Notfallplans, unter Tränen.
Schweigen, noch mehr Verunsicherung, sehr wenige Einwände.

Optimistisch gefühlte Bilanz:
Die Hälfte hat Verständnis und Vertrauen.
30% kein Verständnis, aber Vertrauen.
20% kein Verständnis und Misstrauen

Schade, 100%Vertrauen wären natürlich das Optimum gewesen.

Gesagt getan, jeder der es zuließ hat sein persönliches Gespräch und seine Kündigung persönlich ausgehändigt bekommen und den Empfang, gegenstandslos quittiert. Dieses Schreiben wäre ja eh für die Tonne gewesen, hätte man es ahnen können, dass Deutschland vorerst verschont bleibt und unsere Branche nicht betroffen sein wird. Und alle wären weiter an Bord gewesen. Zusammen wurden die Anträge auf bevorstehendes Arbeitslosengeld, mit Unterstützung des Büros online abgewickelt, und in kürzester Zeit hatten alle Ihre Fallnummer beim Arbeitsamt.

Super, meinen Schäfchen habe ich schon mal die Option verschafft, ins trockene gebracht zu werden. Nein, ich möchte nicht meine Mitarbeiter degradieren, ich benutze nur eine Metapher. Ich bin auch gern das schwarze Schaf der Herde.

So, wie geht es weiter? Besorgungen müssen getätigt werden, Masken müssen her, wir müssen uns und die Anderen, mit denen wir in Kontakt treten müssen, unbedingt schützen.

So ein Scheibenkleister: Es gibt einfach gerade nirgendwo irgendwas zu erwerben. Wir warteten nicht umsonst schon seit Monaten auf die ffp2 Masken, um uns vor Feinstaub zu schützen.

Mist, was nun? Masken vielleicht selber drucken? Mit individuellen auswechselbaren Filtermaterial? Es gab ein paar Modelle auf Thingiverse (3d open source Modelle von jedermann). Erstmal eine Testmaske drucken und für leider nicht ganz ausgereift befinden. Umkonstruieren? Alles machbar, aber so fürchterlich zeitintensiv. Einige Konstruktionen und Informationen über elektrostatisch aufgeladene Viralefiltermaterialen später:

Stop, nicht verlieren, Du musst funktionieren,

Was brauchen wir noch?

Schutzanzüge, noch mehr Handschuhe, Seifen , Schuhüberstülpies, mehr Hand und Flächen Desinfektion, Campingwasserkanister für die Autos zum Händewaschen, Filament für die 3d Drucke u.s.w.. Einige Bestellungen und Anfahrten später: Diese bescheidenen Masken lassen mich einfach nicht los. Zum Glück hatte eine liebe Frau eines Meisters die rettende Idee und bot sich an, Masken zu nähen. Herausgerissen aus meinem Perfektionismus, eilte ich sofort zum Stoffgeschäft um die Ecke, um Material zu besorgen. Ich dachte mir: alles besser vor der Schnute, als überhaupt gar nichts. Und da nahm das Schicksal seinen weiteren Lauf.

Wir sind vom Fernsehen, dürften wir nochmal Filmen, wie Sie Ihre Maske aufziehen und das Geschäft betreten, kurzer Blick aufs Firmenfahrzeug. Ok, da steht jetzt kein privater Sender drauf. Ok, von mir aus – Action! Drinnen bediente mich die nette Chefin und zeigte mir einen feinen Baumwollstoff in der Farbe unserer Arbeitskleidung. Die kleine, süß aufgeregte, Auszubildende vermaß etliche Meter Gummikordel und Kettelband. Plötzlich wurden mir vom Moderator ein paar Fragen gestellt, gefühlte 3-4 Min. Ich versuchte aufgeregt mich und unser Unternehmen und Krisenmanagement, ausstrahltauglich zu erklären und auf seine Fragen zu antworten. Dankeschön und Tschüss.

Ab nach Hause, das Maskenmaterial für 2×30 Masken auf- und verteilt. Wieder nach Hause zurück und die 2 alten Nähmaschinen flott machen. Nach gefühlten 24h, 100000Stichen, kaum Schlaf und vielleicht die Hälfte der Masken die meine Frau geschafft hat, spricht mich meine Mutter an. Eine alte Freundin hat dich gestern im Fernsehen gesehen und sie hat so geweint und wünscht uns viel Glück und alles Gute. Ok, Dankeschön, erst mal gucken was da gesendet wurde. Ohhhh nein. 20sek Panik von 4 Minuten Gespräch. Ein Fragment aus einem Interview. Ja sauber, suboptimal gelaufen. Jetzt habe ich nur denen, welchen ich begegnete erzählt, dass ich vielleicht ins Fernsehen kommen könnte. Mir ist es eher unangenehm, so viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Vielleicht hat es ja kaum einer gesehen. Ja von wegen, anscheinend mehr, als ich mir vorstellen könnte. Mich gibt es bestimmt bald als GIF auf dem Handy, wenn das so weiter geht.

Ich habe immer gesagt, mir ist es lieber, alle machen sich am Ende lustig über mich, als das ich sagen müsste: Siehst Du, da habe ich Recht gehabt. Ich habe halt irgendwie des Öfteren so ein Bauchgefühl, oder einen 7. Sinn, oder nennen wir es Instinkt – der nicht immer stimmt – aber eine verdammt hohe Trefferquote verzeichnet. Das Gleiche kann ich auch von meinem Vater behaupten. Ich für meinen Teil, habe gerne ein Ass im Ärmel, um auf jegliche Eventualitäten vorbereitet zu sein und um agieren zu können. Wir alle können so gar nichts garantieren, was unsere Zukunft betrifft. Ich für meinen Teil, kann nur garantieren: Wer in meinem Boot sitzt und mir seine Loyalität entgegen bringt, muss von unserem Schiff niemals über die Planke gehen. Wir fahren einen Einhundertjährigen Viermaster, auf dem schon andere gute Kapitäne ihre Beiboote aussenden mussten, um Fahrwasser zu gewinnen. Um gemeinschaftlich das Riff, auf das so viele Firmenboote zusteuerten, überqueren zu können. Wenn wir als Kolonne drüber hinweg sind, können wir andere in Seenot geratene Seelen aufnehmen und unser Schiff, weiter zusammen in Richtung stetig wachsenden Erfolg steuern.

Mittlerweile sind wir ein paar Monate schlauer und die Pandemie hat uns persönlich nur leicht gestreift. Wir wollen weiterhin keinerlei Fördermittel in Anspruch nehmen und die meisten unserer Crewmitglieder sind stolz, immer noch mit neuen, handlungsspielraum-freundlicheren Verträgen an Bord zu sein. Und wiederum sehr wenige haben sich dazu entschieden, sich beruflich umzuorientieren, obwohl sie hätten bleiben dürfen. Wir erfreuen uns unseren abgesagten Hoffnungsträgern, dann doch die Zusagen zukommen zu lassen und begrüßen einen neuen, engagierten Tischlergesellen seit Anfang Juli und 2 neue Auszubildende ab Anfang August. Zusätzlich haben wir uns mit einem Partnerbetrieb und einem Einzelunternehmer zusammengeschlossen, um auf eventuelle zukünftige Arbeitsmarktschwankungen gemeinsam kooperativ reagieren zu können.

In diesem Sinne: vielen Dank für Ihre wertvolle Zeit. Wir hoffen weiterhin auf gute Geschäfte und vor allem viel Gesundheit für alle unter uns.

Ich werde diesen Text, allen meinen Mitarbeiter zum gegenlesen reichen und um Erlaubnis, für die Veröffentlichung bitten.

Liebe Grüße,

Björn Weidemann

Björn Weidemann | Inhaber & Tischlermeister